
Selbst im europäischen Kontext war der 300 SL eine Klasse für sich. Die Autotester
konnten teilweise keine Superlativen mehr finden, die sie nicht schon bei Wagen wie
dem Jaguar XK 120 oder beim Gordini 2.3 Liter, geschweige denn beim 3 Liter Ferrari
gebraucht hätten. Obwohl selbst das Prospekt ein wenig zu hoch prahlte mit einer
Spitzengeschwindigkeit von 260 km/h, muß man einfach neidlos zugeben, daß die
Fahrleistungen selbst bis vor ein paar Jahren noch beachtlich gewesen sind. Heute
werden die meisten Fahrzeuge bei einer Geschwindigkeit von 250 km/h elektronisch
abgeregelt. Sicherlich hätte Rudolf Uhlenhaut, der den 300 SL mit seinem Gitterrohrrahmen
konstruiert hatte, auch gerne noch 30 PS mehr haben wollen wie der eben erwähnte Ferrari.
Andererseits muß man auch sehen, daß in Italien auf eine Rennmaschine hin ein Motor
entwickelt worden war, während der 300 SL sich grundsätzlich des Triebwerks der eher
biederen 300 Limousine bediente. Die gewaltige Mehrleistung im Vergleich zur Limousine
(215 statt 115 PS) aus knapp drei Litern Hubraum resultierte nicht zu letzt aus der,
für Daimler-Benz im Pkw-Bereich neuen Technik der Benzin-Dirketeinspritzung. Diese

Pumpe funktioniert mechanisch und ist daher in ihrem Innern aufgebaut wie ein kleinerer
Motor. Sechs Kolben, die durch eine Welle angetrieben werden befördern den Kraftstoff
in die Brennräume des Antriebsaggregates. Diese hochpräzise Maschine sorgt für ein
Drehmoment von 280 Nm. Dies in Verbindung mit einem Wagengewicht von rund 1300 Kilo
macht die Fahrt im SL zum Bullet Ride (Ritt auf der Kanonenkugel) wie ein amerikanischer
Tester es nannte. Aber auch die Leichtbauweise (der Gitterrohrrahmen wog nur rund 90 kg)
und ebenfalls der für damalige Zeiten enorm günstige cw-Wert von 29 machte im Rennen die
Vorteile der Konkurrenz wett. Der Rahmen besteht aus einem geschickt ausgeklügelten Gitter,
bei dem, abgesehen von zwei Quertraversen, keines der tragenden Rohre auf Biegung, sondern
nur auf Zug und Druck beansprucht wird. Aus diesem Rahmen mit recht hohen Seitenstreben
entstand auch die Notwendigkeit der Flügeltüren. Die Seitenscheiben sind demnach auch mangels
Platz nicht zum Versenken gedacht. Die Heizungs- Lüftungsanlage darf man wirklich nicht so
nennen. Keineswegs ausschließlich an besonders warmen Tagen heizt sich der Innenraum recht
schnell auf und da kann auch das Gebläse nicht wirklich Abhilfe schaffen. Die kleinen

Entlüftungsöffnungen kurz über der Heckscheibe lassen die Hitze einfach nicht schnell genug
entweichen. Besonders schlimm ist dies auch noch bei den vielen mangelhaft restaurierten
Fahrzeugen, da meist nicht mehr diese Wärmeabschirmung zum Motorraum gewährleistet wird wie
beim unberührten Originalfahrzeug. Von den 1400 entstandenen Flügeltürern wurden sogar nur
29 mit Aluminium Karosserie angefertigt. Das Steigerte das Leistungsgewicht von 5,1 kg/PS
auf 4,89 kg/PS, was sich in der Realität keineswegs nur im Aufpreis bemerkbar gemacht haben
dürfte. Tatsächlich andere Geschwindigkeiten erreicht man durch insgesamt fünf verschiedene
Hinterachsübersetzungen. Ein Merkmal für einen besonders frühen SL ist der Stern im
Lufteinlaß des Bugs. Nur die Ersten hatten nämlich einen Stern, der vorn konkav ist und auf
der Rückseite einen Knick aufweist. Diese Anschrägung sollte das Öffnen der Motorhaube
begünstigen. Später wurde der Stern insgesamt einfach etwas kürzer und behinderte den Deckel
dadurch nicht. Apropos Deckel: Ein weiterer Deckel, der eine andere Lösung als normal
verlangte, war der Tankverschluß. Üblicherweise haben Fahrzeuge ihren Einfüllstutzen für
Kraftstoff von Außen zugänglich. Beim SL-Cuope hätte dies aber die Aerodynamik gestört und
so entschied man sich, diese Tanköffnung innerhalb des Kofferraums unter zu bringen.
Kofferraum ist dabei ein großes Wort, das der verbleibende Platz unter dem Heckdeckel neben
Tank und Reserverad noch bietet. Der eigentliche Kofferraum befindet sich direkt hinter den
Vordersitzen. Als reinen Zweisitzer gebaut, beraubten sie dort nicht mal einem Kurzzeit-Gast
die Mitfahrgelegenheit

Um die Stirnfläche für einen Sportwagen möglichst gering zu halten und dadurch einen
günstigeren Windwiderstand zu erhalten, wurde der Motor um 45° geneigt. Damit die
Demontierbarkeit des Zylinderkopfes weiter gewährleistet werden konnte, wurde dieser
ebenfalls schräg angesetzt. So wurde er dann auch im Adenauer eingebaut, da hier keine
Notwendigkeit für eine andere Konstruktion bestand.
Daß die Fahrweise stark den Verbrauch bestimmt, kann man selten so wie beim 300 SL
erkennen. 12 bis 14 Liter bei gemäßigter (nicht langsamer) Fahrweise bis hin zu 25 Litern
Superbenzin bei der Ausschöpfung des gesamten Potentials zeigt die Spanne der Möglichkeiten.
Außerdem wird behauptet, man könne den 2. Gang bis 125 km/h ausfahren, könne aber andererseits
von 35 km/h bis zur Endgeschwindigkeit von knappen 260 km/h im vierten Gang mühelos und
ruckfrei erreichen. Die Trommelbremsen aus Leichtmetall, mit verschweißtem Stahlring nach
dem Alfin-Verfahren, wurden damals als adäquat bezeichnet. Die Alu-Trommel ist mit Kühlrippen
versehen, um die Reibungswärme schneller abführen zu können, die die vordere Duplex-Bremse
produziert. In späteren Jahren wird man merken, daß eine Scheibenbremse doch um ein vielfaches
wirksamer ist.