
Fast ist man geneigt zu beginnen mit dem Adventslied von Georg Weissel aus dem 17. Jahrhundert:
„Macht hoch die Thür, die Thor‘ macht weit . . ."
Nachdem der 300 SL von einem der führenden Fachmagazine für Oldtimer, der Motor Klassik, zum
Sportwagen des Jahrhunderts gewählt wurde, habe auch ich nach einem besonderen Exemplar gesucht.
Es sollte nicht nur ein Flügeltürer sein (in englisch nennt man sie Gullwing, was Mövenflügel
bedeutet), sondern er sollte eine eigne und möglichst spannende Geschichte haben. Daß der Wagen,
der uns für diesen Artikel Modell gestanden hat auch noch gänzlich im Originalzustand war, erfreute
Fotografen wie Schreiber gleichermaßen. Berühmter Vorbesitz und unendliche Geschichten des heutigen
Besitzers Hans-Jürgen Conredel runden das Bild ab bis zur jüngsten Begebenheit, der Mille
Miglia-Teilnahme im Mai diesen Jahres, bei der das Team als Einzelkämpfer immerhin den 87. Platz
erreichte . . .
Alle führenden Motorjournalisten waren sich Anfang dieses Jahres einig: Der 300 SL ist der Sportwagen
des Jahrhunderts. Nur was soll man noch über ein dermaßen hochgelobtes Fahrzeug schreiben? Ist nicht
alles bereits dokumentiert? Gibt es nicht ein Dutzend Bücher die sich ausschließlich mit diesem Wagen
befassen? Kann ich irgendetwas neues dazu beitragen? Wahrscheinlich nicht. Und trotzdem möchte ich mir
Mühe geben, den Wissenden neue Eindrücke zu vermitteln und den Unwissenden die Grundkenntnisse darzustellen.
Der 300 SL wurde erstmals als reiner Rennwagen der Nachkriegsproduktion aus dem Stuttgarter Unternehmen
im Frühjahr 1952 vorgestellt. Die Rennerfolge waren beachtlich. Ob
Mille Miglia,
Carrera Panamericana,
Le Mans oder welche Rennstrecke auch immer, diese Wettbewerbsfahrzeuge hatten es offensichtlich in sich.
Als die ersten Berichte von den Rennen die Pressewälder füllten, dachte man im Vorstand wahrscheinlich
noch nicht an mehr als an einen Imageträger. Erst der Generalimporteur der USA, Max Hoffman, brachte die
Idee und damit den Stein ins rollen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß die Vorstellung des
Serienmodells zuerst im starken USA-Markt bei der New York Autoshow im Jahre 1954 stattfand.

Im gleichen Jahr heiratete Marilyn Monroe das Baseball-Idol Joe DiMaggio und Bill Haley landete einen
Hit mit „Shake, rattle and roll". Zeitgleich wurde übrigens ein „Sportwagen" auf Basis des Pontons
präsentiert, nämlich der 190 SL Roadster. Thomas E. Salk erringt einen Sieg gegen eine schreckliche
Krankheit: Er entwickelte die Impfung gegen Kinderlähmung. Und in Deutschland? - Wurde gejubelt als Sepp
Herberger die Nationalmannschaft nach dem Sieg über Ungarn als Fußballweltmeister nach Hause führte.
Es war also turbulent im Jahre 1954 und dann kam auch noch der Flügeltürer für Privatfahrer auf den Markt.
Die Typenbezeichnung des Mercedes-Benz 300 war im Volksmund durch den Spitznamen Adenauer ersetzt worden,
da der gleichnamige Kanzler der noch jungen Republik Deutschland diesen Fahrzeugtyp bevorzugte.
Der 300 SL schlug also in der richtigen Zeit ein. Überall herrschte Aufbruchstimmung und in Deutschland
kam das Gefühl „Wir sind wieder wer" auf.
Der 300 SL Gullwing (Möwenflügel) wurde dann auch in USA der große Verkaufsrenner, woran die
hervorragenden Fahreigenschaften mit Sicherheit einen Löwenanteil hatten. Ein weiteres wesentliches
Merkmal ist jedoch das umwerfende und unvergleichliche Design dieses Wagens. Die Flügeltüren, so
unpraktisch sie sein mögen, sprengten den Rahmen des bis dahin vorstellbaren. Ein abklappbares Lenkrad,
was den Einstieg erleichtern sollte (es aber nicht tat), die Kiemen seitlich über den Kotflügeln, die
sehr lange Schnauze und das kurze, fast bucklige und doch elegante Heck, große Lufteinlässe auf beiden
Seiten waren die Merkmale, die den amerikanischen Automobilen dieser Zeit so fremd waren wie nur irgendwas.
Hier traten nämlich in diesem Jahr die Heckflossen ihren Siegeszug an. Und die Sportwagen aus der heimischen
Produktion vom Schlage einer Chevrolet Corvette verdienten diesen Namen im Vergleich mit allen europäischen
Konkurrenten nicht.